Projekt Herausforderung
Aktualisiert: 3. Sept.

Klasse kurz vor der Abreise
Ein Beitrag von Katrin Hürzeler
Ich kann mich noch gut an den Elternabend erinnern, an dem das Projekt Herausforderung zum ersten Mal von Vanessa Pohl und Constanze Ermel in der Klasse vorgestellt wurde. In mir hat sich damals einiges gesträubt: Meine 14‑jährige Tochter in einer Vierergruppe mit Fahrrad oder zu Fuss, begleitet von einer Studentin oder einem Studenten, die ich nicht kenne, für sechs Tage, mit nur 15 Franken pro Tag und ohne Natel losziehen zu lassen, mein erster Impuls war ein klares Nein.
Ich spürte den Zwiespalt: Einerseits soll mein Kind Erfahrungen sammeln und Selbstständigkeit entwickeln, andererseits möchte ich es vor Gefahren schützen. Dazu kommt der Alltag, der mich zweifeln liess, wenn schon die Tasse den Weg nicht in die Spülmaschine findet, wie soll dann der Weg durch die Schweiz funktionieren?
Vanessas und Constanzes Vertrauen in die Jugendlichen und in deren Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, beeindruckt mich. Auch wenn mein eigenes Vertrauen gelegentlich hinterherhinkt, liess ich mich letztlich vom Mut anstecken.
Über die folgenden Monate konnte ich mich langsam an die Idee gewöhnen. Das Konzept, dass Selbstverantwortung stärkt und Jugendliche auf ungewohnte Art herausfordert, machte Sinn. Mit der grosszügigen finanziellen Unterstützung der Stiftung Freie Gemeinschaftsbank konnte das Projekt starten und die Studentinnen und Studenten, die die Gruppen begleiteten, finanziert werden.
Während der Schulzeit hatte die 9. Klasse Zeit zu planen.
Die diversen Pläne wurden uns Eltern eine Woche vor der Abfahrt präsentiert, und wir merkten schnell, dass auch Planen geübt sein muss. Mich überkam eine neue Welle von Befürchtungen, denn meine Tochter und ihre Gruppe hatten sich für die Jura‑Fahrrad Route entschieden.
“Es ist hügelig, es geht dort wirklich hoch und runter…” , meine Worte schienen nicht wirklich anzukommen.
Mir wurde klar, dass Höhenmeter und Landkarten für die Bande ein abstraktes Konzept waren. Aber manchmal muss man loslassen, oder?
Eine Woche vor der Tour lernten die Klasse und die Eltern die Begleitpersonen kennen. Das gab mir neuen Mut. Gleichzeitig erfuhren wir, vielleicht zum Schrecken einiger Eltern, dass die Planung der individuellen Gruppen nicht ganz so funktioniert hatte, wie wir es uns vorgestellt hatten. Auf der Karte sieht jeder Berg flach aus, das Konzept von Höhe und Distanz wurde scheinbar nicht so wahrgenommen, und auch die Packliste zeigte Lücken. Wer braucht schon eine Matte zum Schlafen…? Gutes Schuhwerk, einen Anhänger fürs Velo? Regenausrüstung?
Am Ende waren die Satteltaschen und Rucksäcke gepackt. Am Sonntagmorgen um 10 Uhr starteten die vier Gruppen, teils zu Fuss, teils mit dem Fahrrad. Mit gemischten Gefühlen und viel Aufregung machten sie sich auf den Weg. Für uns Eltern wurde es erst einmal still, aber für unseren Nachwuchs ging es jetzt richtig los.
Es war ein Abenteuer.
Wir sind stolz und erleichtert, dass dieses erste Projekt an unserer Schule so gut über die Bühne ging, und dass alle gesund wieder nach Hause kamen. Die grosse Tour ist vorbei, doch das gemeinsame Verarbeiten als Klasse läuft jetzt auf Hochtouren, denn nur wer reflektiert, kann bewusster lernen.
Vor gespanntem Publikum, der 5., 7. und 8. Klasse sowie einigen Lehrpersonen, erzählten die Jugendlichen von ihren Erfahrungen. Schnell wurde klar, dass sie beim nächsten Mal die Höhenmeter genauer beachten würden, und dass Regenhosen mitgenommen oder zumindest angezogen werden sollten. Auch spontane Routenänderungen würden sie künftig eher vermeiden.
"Auf dem Fahrradweg stand, dass die Jura‑Route kürzer sei als die Aare‑Veloroute, wir lernten, dass eine kleinere Kilometerzahl nicht automatisch die bessere Strecke bedeutet.“
Schön zu hören war auch, dass unsere jungen Abenteurer:innen unterwegs auf viel Gastfreundschaft gestossen sind, und dass es teilweise sogar Frühstück gab.
Alle waren sich einig, dass die 110 Liter Abfallsäcke, die vor der Abfahrt von Petra Feyfar ausgeteilt wurden, erstaunlich multifunktional waren , und dass sie sich im Notfall sogar zu Regenjacken umfunktionieren lassen.
Zum Schluss fragte jemand aus dem Publikum: "Würdet ihr es wieder machen?“
Die Klasse rief: "Ja, gleich nächste Woche!“
Ein riesiger Dank geht an die Lehrerinnen Vanessa Pohl und Constanze Ermel, die Stiftung Freie Gemeinschaftsbank und die vier geduldigen Begleiterinnen und Begleiter. Ebenso an uns Eltern, die den Mut hatten, unsere Sprösslinge ziehen zu lassen , und an unsere Jugendlichen, die sich mutig und ohne Natel auf dieses Abenteuer eingelassen haben.
Mit grosszügiger Unterstützung der Stiftung Freien Gemeinschaftsbank.
